Ein neuer Stolperstein in Roßwein – im Gedenken für Karl Emil Müller

Roßwein hat einen weiteren Ort des Gedenkens. Am 29. Juni 2026 wurde um 18 Uhr Auf dem Werder 36 der 13. Stolperstein verlegt. Dieses Mal zum Gedenken an ein Opfer der Euthanasieverbrechen des Dritten Reiches. Karl Emil Müller, der 1901 in Roßwein geboren wurde und mit seiner Familie Auf dem Werder 36 in Roßwein wohnte, litt an Epilepsie. Eine Krankheit, die heute mit Medikamenten gut behandelbar ist und mit der die Betroffenen weitgehend selbstbestimmt und anfallsfrei leben können. Doch für die Nationalsozialisten war eine Krankheit wie Epilepsie ein Kriterium für ein unwertes Leben. Sie ließen tausende Menschen mit dieser Diagnose systematisch ermorden.
Dieses Schicksal erlitt auch der Roßweiner Karl Emil Müller. Nach der Beendigung der Schule begann er 1915 eine Ausbildung zum Schmied, die er jedoch nicht beenden konnte, da sein Lehrmeister als Soldat in den Ersten Weltkrieg einberufen wurde. Karl Emil arbeitete fortan als ungelernter Arbeiter in verschiedenen Fabriken in Roßwein. Im Alter von 22 Jahren kamen die epileptischen Anfälle wieder. Er ließ sich u.a. in der Nervenklinik in Leipzig behandeln und wurde 1929 als erwerbsunfähig eingeschätzt. 1939 wurde Karl Emil Müller in die Heil- und Pflegeanstalt in Hochweitzschen eingewiesen. Die Ärzte und Ärztinnen schätzten seine Anfälle als „selbstlebensgefährlich“ ein. Am 2. August wurde er mit einem Sammeltransport in die Tötungsanstalt nach Pirna-Sonnenstein gebracht und noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet.
Eine Gruppe Roßweiner Jugendlicher hat sich des Schicksals von Karl Emil Müller angenommen und seine Geschichte recherchiert. Sie besuchten u.a. die Gedenkstätte in Pirna-Sonnenstein, um sich über die grausamen Behandlungsmethoden und die tausendfachen Morde an kranken Menschen und Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen im Dritten Reich und insbesondere in Pirna-Sonnenstein zu informieren. Begleitet wurden diese Jugendlichen vom Verein Erich-Zeigner-Haus e.V. in Leipzig, der seit vielen Jahren Stolperstein-Projekte mit Jugendlichen in ganz Sachsen durchführt. Der Jugendhaus Roßwein e.V. war Kooperationspartner vor Ort und stellte den Jugendlichen Räume zur Verfügung, wo sie sich für ihre Recherchearbeit treffen konnten.
Zur Verlegung des Stolpersteines am Abend des 29. Juni verlasen die Jugendlichen die Biografie von Karl Emil Müller und machten in ihren Worten deutlich, wie wichtig es ist, Orte der Erinnerung und des Gedenkens an die Opfer von Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten zu schaffen und zu erhalten. Mit den Stolpersteinen bekommen menschliche Schicksale einen Namen, eine Geschichte und einen würdigen Platz in einer Stadtgesellschaft. Der Stolperstein für Karl Emil Müller mahnt uns: „Faschismus beginnt dort, wo Menschen abgewertet werden – wegen einer Krankheit, einer Behinderung, wegen ihrer Herkunft, Religion, Lebensweise oder ihrer Meinung.“ so die Jugendlichen in ihren Redebeiträgen.
Stolpersteine sind kleine, handgefertigte Mahnmale aus Messing, die in den Gehweg vor den letzten selbstgewählten Wohnorten der Opfer des Nationalsozialismus eingelassen werden. Der Künstler Gunter Demnig hat diese Aktion ins Leben gerufen. Mittlerweile gibt es mehr als 120.000 Stolpersteine in über 30 europäischen Ländern.
Musikalisch umrahmt wurde die Verlegung des Stolpersteines vom Posaunenchor Roßwein.

Der Bürgermeister Hubert Paßehr, der Roßweiner Pfarrer Dr. Heiko Jadatz sowie Otto Wittig als Vertreter vom Jugendhaus Roßwein e.V. sprachen ebenfalls in ihren Reden vom gemeinsamen Erinnern. Schicksale wie die von Karl Emil Müller dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Stephan Conrad überbrachte Grußworte von der AG Geschichte des Treibhaus Döbeln e.V., die sich seit mehr als 20 Jahren mit der Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte des Nationalsozialismus im Altkreis Döbeln beschäftigt.
Die Projektgruppe „Ein Stolperstein für Karl Emil Müller“ unter der Leitung von Clara Sophie Luther bedankt sich bei den Kooperationspartnern Erich-Zeigner-Haus e.V., dem Jugendhaus Roßwein e.V., bei der Stadtverwaltung Roßwein und dem Bauhof der Stadt, beim Posaunenchor Roßwein und dem Heimatverein Roßwein.
Wer die Arbeit des Erich-Zeigner Haus e.V. und die Stolpersteinprojekte unterstützen möchte, kann dies mit einer Spende auf folgendes Konto tun:
Erich-Zeigner-Haus e.V. I Sparkasse Leipzig I IBAN DE94 8605 5592 1100 2798 96
(Text: Clara Sophie Luther)



