– 480 Bettlaken, 600 Büchsen Latex und 2.200 Arbeitsstunden

Am 8. Februar 2019 fand die Erinnerungsveranstaltung „30 Jahre Mauerfall“ im Roßweiner Rathaus statt. Im Mittelpunkt stand der autobiografische Tatsachenbericht von Jan Hübler. In einem fast zweistündigen Vortrag schilderte er den über 80 Besuchern sein Leben in der DDR bis zu dem Tag, als er am 13.10.1989 gemeinsam mit seiner Frau in einem selbstgebauten Ballon die Flucht aus seinem Heimatland wagte.

Zu Beginn der Veranstaltung begrüßte der Bürgermeister der Stadt die über 80 Besucher im großen Saal. Er schilderte seine Erinnerungen an den Tag, an dem die Mauer fiel. Nach einer langen Nacht, die er auf dem Polterabend eines Freundes verbrachte, weckt ihn sein Vater am nächsten Morgen mit den Worten: Die Mauer ist offen. Es dauerte einige Stunden, bis ihm die Tragweite dieses Satzes bewusst wurde. Wie viele andere auch, versuchte er noch am selben Morgen im Einwohnermeldeamt Roßwein ein Ausreisedokument zu erhalten. Hier waren die Mitarbeiter aber noch nicht mit ausreichend Informationen ausgestattet und schickten ihn zur Polizei.

Während seiner kurzen Ansprache verwies Veit Lindner auch auf jene, die bis dahin an der Mauer ihr Leben verloren. Wie der fast auf den Tag genau vor 30 Jahren erschossene Chris Gueffroy, der in der Nacht vom 5. zum 6. Februar 1989 im Kugelhagel an der Grenzmauer ums Leben kam.

Pfarrer Dr. Jadatz richtete im Anschluss an den Bürgermeister das Wort an die Besucher und beschrieb seine Erlebnisse in Leipzig, die letztlich ja auch zum Fall der Mauer führten. Er zeichnete nochmals für alle die Szenerie nach, als Tausende mit Kerzen in der Hand auf Leipzigs Straßen freie Wahlen forderten und unmissverständlich äußerten, dass sie das Volk sind. Als Historiker fragt sich Dr. Jadatz noch heute, wie es gelingen konnte, dass alles so friedlich blieb. Dazu stellt er in seiner Rede die Vermutung an, dass es an den Kerzen und deren Licht liegen könne. Ein Licht, das die Herzen und Köpfe der Menschen einte und für den Willen zur Gewaltfreiheit stand.

Der Pfarrer berichtete von einem Kampfgruppen-Kommandanten, der damals sagte, dass man bereit sei, das Land mit der Waffe zu verteidigen. Aber auf einen Kampf gegen Kerzen und Gebete waren weder er noch der Rest der Staatsgewalt vorbereitet. Umso trauriger sei es heute, dass die Zahl derer wieder zunimmt, die nach Mauer und Abgrenzung rufen. Dr. Jadatz erinnert an die Grenze, die vor vier Jahren durch Roßwein verlief. Diese Grenze trennte diejenigen, die sich von Hilfesuchenden abwandten, von denen, die ihre Hilfe gewährten. Auch zu dieser Zeit wurden Kerzen gegen Mauern angezündet. Pfarrer Jadatz beendete sein Grußwort an diesem Abend mit der Mahnung, dass die Geschichte zeigt, wie sich Menschen in der Vergangenheit immer wieder in schwierigen Situationen befanden und dass sie sich immer wieder aus ihnen herausfinden mussten. Mit dieser Zuversicht übergab er das Wort an Jan Hübler, der nun mit seinem Tatsachenbericht folgte.

Jan Hübler schilderte sein gesamtes Leben in Dresden bis zu dem Tag seines Fluchtversuches in den Westen am 13. Oktober 1989. 1961 geboren, wächst er behütet mit seiner Schwester in einer recht komfortablen AWG-Wohnung auf. Der Vater arbeitete als Ingenieur und ist als Nationalpreisträger und Verdienter Erfinder des Volkes beruflich und gesellschaftlich anerkannt. Die Mutter war in einem Reisebüro beschäftigt. Während seiner gesamten Schulzeit, und auch noch während seines Studiums zum Maschinenbauer, setzte sich Jan Hübler mit dem Phänomen des Ballonbaus auseinander. Befeuert von Geschichten mit großen Freiheitsgedanken, wie z.B. die des Autors Karl May, schrieb Hübler selbst bald als Halbwüchsiger schon eigene Geschichten. Hier dachte er sich Reiseerlebnisse mit dem Ballon aus und illustrierte diese auch. Studienfreunde und vor allem seine Frau teilten sein Interesse an Ballonversuchen und so wurden die Testobjekte immer größer und ausgefeilter.

Jan Hübler flocht während seines Vortrages immer wieder DDR-Musik z.B. von Silly und Dirk Zöllner ein, Musik die ihm wichtig war und die er wegen der Hintergründigkeit schätzte.

Als Student beschäftigte er sich verstärkt mit dem Drehen von Kurzfilmen und bewarb sich schließlich auch um einen Studienplatz an der Filmhochschule Potsdam. Hier erhielt er aber keine Zulassung und diese Ablehnung schmerzte ihn sehr. Später wird er sagen, das sei einer der wesentlichen Gründe, warum er die DDR verlassen wollte.

Seine Frau, studierte Bauingenieurin, ist in den 80er Jahren in Dresden Neustadt im Bereich Gebäudewirtschaft tätig. Die unrettbar ruinösen Zustände, die hier herrschen, demoralisieren sie schnell und so beschließen beide, sich einen Ballon zu bauen und einfach die Grenze in der Luft überqueren.

In einem Zeitraum von zwei Jahren bauten sie heimlich aus 480 Bettlaken und 600 Büchsen Latex in 2.200 Arbeitsstunden einen Ballon, dessen Größe und dessen dazugehörige Brenner genauestens berechnet waren. Heimlich musste alles geschehen und während der Zeit war der Ballonbau das zentrale Thema im Leben des jungen Paares.

Als es schließlich am 13. Oktober soweit war und alle Vorbereitungen getroffen schienen, scheiterte der Versuch letztlich daran, dass einsetzender Regen die Latexbeschichtung des Ballons zunichtemachte.

Die Besucher fragten am Ende des Vortrages Jan Hübler, wie er sich in der Situation fühlte und er erklärte, dass es für ihn und seine Frau ein großer Schock war. Sie zerlegten den Ballon und verteilten ihn auf verschiedene Deponien und verließen dann am 08. November 1989 die DDR auf ihren Motorrädern, so wie viele andere auch in dieser Zeit.

Jan Hübler sprach nicht über Gewalterfahrungen, über unaushaltbare Diskriminierungen, er sprach von Fernweh, von einem starken Vater, dem er es beweisen wollte, von seiner Leidenschaft für Ballons und davon, dass sein Traum von einem „Fluchtballon“ auch nur mit seiner Frau Realität werden konnte.

Heute lebt Jan Hübler wieder in Dresden, seine Frau ist in den alten Bundesländern geblieben und sie sind kein Paar mehr.

Ein Zuschauer frage ihn: „Wenn Sie zurückblicken, würden sie es heute wieder tun? Seine Antwort darauf war: Mit 25 Jahren hat man so viel Energie und mit 50 Jahren ist man illusionsloser.