… so, oder so ähnlich äußerte sich der Hamburger Oliver Diederichsen, als er am 11. September 2019 vormittags im Rathaus Roßwein den alten Tresor im Bürgeramt begutachtete.

Fragt man alte RoßweinerInnen, so sagen diese, der Tresor steht schon immer, keiner weiß genau, wann der große Metallschrank der Leipziger Firma „Carl Kästner“ ins Rathaus kam. Wahrscheinlich wurde er um 1900 aufgestellt, zu dieser Zeit hatte die Roßweiner Sparkasse im unteren Teil des Rathauses Quartier bezogen. Damals war das Öffnen des Schrankes für die Berechtigten kein Problem. In den 1990ern verschwand allerdings ein wichtiges Teil des Schlüssels und somit blieb der Tresor ca. ein Vierteljahrhundert verschlossen.

Oliver Diederichsen kam natürlich nicht zufällig nach Roßwein, um den Tresor zu öffnen. Herrn Klöden von der Stadtverwaltung war das „Tresor-Problem“ bekannt und als er in der ZEIT einen Artikel über den „Panzerknacker“ Diederichsen las, nahm er zu ihm Kontakt auf und lud ihn nach Roßwein ein.

Wer allerdings glaubt, dass der Hamburger Fachmann eine technische Berufsausbildung absolviert hat, der irrt. Gelernt hat Oliver Diederichsen den Beruf des Kaufmannes, aber in seiner Freizeit beschäftigte er sich mit der aus Amerika stammenden Welle des „Lockpickings“.

Unter Lockpicking (engl. lock ,Schloss‘ und pick ,picken‘, ,stochern‘) oder Nachschließen, umgangssprachlich Picking, versteht man die Aufsperrtechnik zum Öffnen von Schließzylindern (Schlössern), ohne einen dafür passenden Schlüssel zu benutzen und ohne das Schloss zu beschädigen.

Lockpicking wird sowohl von Privatpersonen bzw. Vereinen als auch von Geheimdiensten, Geocachern, Kriminellen und Schlüsseldiensten betrieben.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Lockpicking, verfügbar am 11.09.2019)

Er betrieb sein Hobby so intensiv, dass er bei einem befreundeten Schlüsseldienst-Inhaber mitarbeitete und schließlich im Jahr 1997 selbst ein Unternehmen gründete. Seine mit den Jahren erworbenen Kompetenzen beim Öffnen von alten Panzerschränken machten ihn bekannt und verschaffen ihm heute europaweit Aufträge. Fragt man ihn nach seinem Leistungsangebot, dann lächelt er und gibt als Antwort zurück: „Ich mache, was die Kunden bezahlen.“

Beim Betrachten seines Werkzeuges kann man keine spektakulären Dinge sehen. Kein Stethoskop,  keine Gummi-Handschuhe dafür Schraubenzieher, Hammer, Inbusschlüssel, Draht und diverse Kleinteile. Bemerkenswert ist der Karton mit dem zerlegten Tresorschloss. Oliver Diederichsen hat das baugleiche Schloss mitgebracht. Baugleich heißt, es ist der gleiche Schlosstyp, der sich auch im Roßweiner Tresorschrank befindet. Auf diese Weise kann er jeden seiner Arbeitsschritte bei Bedarf an dem zerlegten Schloss vorher prüfen. In den vergangenen Jahren hat er sich eine Sammlung von mehreren tausend Schlössern zugelegt und beim Zerlegen dieser ihre Funktionalität studiert. So kann er für manche geschlossenen Tresortüren auch Schlüssel nachbauen.

Auf die Frage, was ihm nach der erfolgreichen Öffnung eines Tresors spontan an bemerkenswerten Inhalten einfällt, erzählt der Hamburger, dass in Heringsdorf nach der Öffnung des Tresors noch Unterlagen der russischen Militär-Kommandantur zu Tage kamen. Mit einem leichten Anflug von Bedauern ergänzt Oliver Diederichsen, dass in der Neuzeit leider keine Geld- und Sicherheitsschränke mit einem ausschließlich mechanischem Schließmechanismus gebaut werden.

   

Nach insgesamt 7 Stunden gelang es Oliver Diederichsen, den großen Tresor zu öffnen. Der  Tüftler und Schlösserspezialist zog erwartungsvoll den mehrere Zentner schweren Türflügel auf, allerdings traten nun keine bedeutsamen Dinge zu Tage, lediglich alte Zeitschriften und Lehrbücher aus der Vorwendezeit.