Gedenkveranstaltung in Otzdorf am 17. November 2019

„Ein Volk muss bereit sein, nüchtern auf seine Geschichte zu blicken.
Denn nur wer sich daran erinnert, was gestern gewesen ist,
erkennt auch, was heute ist und vermag zu überschauen,
was morgen sein kann“.

Diese Worte stammen von Willy Brandt, mit welchen ich unsere heutigen Gedenkminuten zum Volkstrauertag einleiten möchte.

Am 11. November 1918 endete nach vier schweren und grausamen Jahren der erste Weltkrieg. Europa war nach Ende dieses Krieges kein Kontinent des Friedens. Innere Wirren erschütterten nicht nur unser Land.

Was die Menschen von damals nicht wissen konnten, steht heute in unseren Geschichtsbüchern: Ein weiterer Krieg würde nur 20 Jahre später noch mehr Elend und Tod über den leidgeprüften Kontinent bringen. Vor 80 Jahren begann mit Deutschlands Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg in Europa. Seine Folgen wirken bis heute nach.

Am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen. Gerade heute, wo rechte Kräfte wie die AfD die dunklen Seiten der Deutschen Geschichte nur allzu gerne relativieren wollen, ist es wichtig, sich zu erinnern!

Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen, um eine bessere Zukunft zu gestalten. Deshalb verdient es jede Geschichte, erzählt zu werden, und jedes Opfer verdient es, dass man sich seiner erinnert.

Erlebte Geschichten aus dieser unwürdigen Zeit erzählt zu bekommen, hat heute schon Seltenheitswert. Zu vielen Sachzeugen befinden sich bereits nicht mehr unter uns. Zu viel Zeit ist auch inzwischen verstrichen. Darin besteht aber auch die Gefahr. Zu gerne wird über vergangene Zeiten von Mitmenschen geurteilt, obwohl sie diese überhaupt nicht erlebt haben, was meist zu einer Verharmlosung oder Verniedlichung führt.

In diesem Jahr blicken wir besonders auf unser Nachbarland Polen.

Am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen. Als Tag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mag dieses Datum noch geläufig sein. Doch was in den Jahren der anschließenden Besatzung geschah, ist vielen in Deutschland kaum bewusst.

Das polnische Leid war unvorstellbar. Die Polen wurden in der Nazi-Rassenideologie als minderwertige Rasse betrachtet. Sie sollten als Sklavenvolk gehalten und ihr Land als Lebensraum für Deutsche genutzt werden. Gleich nach dem Überfall wurde begonnen, tausende Angehörige der polnischen Eliten systematisch umzubringen. Die Deutschen führten eine Schreckensherrschaft voller Willkür, Terror und Gewalt über das polnische Volk. Vertreibungen, Plünderungen, Massaker, Verschleppung von Zwangsarbeitern und hemmungslose materielle Ausbeutung waren allgegen- wertig.

Die jüdische Bevölkerung Polens wurde in Ghettos zusammengetrieben und später dann nahezu vollständig ausgelöscht. Polen wurde als Ort für die industrielle Vernichtung des europäischen Judentums missbraucht – fernab von den Augen der deutschen Bevölkerung errichteten die Nazis ihre Vernichtungslager Auschwitz, Majdanek, Kulmhof, Bełżec, Treblinka und Sobibór.

Das Eingeständnis der eigenen Schuld und Verantwortung, sei es individuell oder als deutsche Nation, war ein langer, ausgesprochen schmerzhafter Prozess. Nach und nach fanden unzählige Geschichten ans Licht und ins kollektive Bewusstsein – Geschichten millionenfacher und unmenschlicher, entsetzlicher Gräuel, Geschichten schier unfassbarer Tragödien, aber auch Geschichten des stillen oder offenen Widerstands.

Dass wir inzwischen in der Aufarbeitung unserer eigenen Nazi-Vergangenheit, die wahrlich kein Fliegenschiss ist, so weit gekommen sind, ist nicht etwa eine Schande, sondern etwas, worauf wir stolz sein können.

In Polen gibt es wohl keine Familie, die nicht vom Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzung betroffen war. Die frische Erinnerung an die grauenhaften Geschehnisse der NS-Zeit und auch die Teilung Europas nach 1945 ließen eine deutsch-polnische Versöhnung schwierig erscheinen.

Erst nach den demokratischen Umbrüchen in Polen und dem Ende der Teilung Deutschlands und Europas konnte auch die politische Versöhnung, basierend auf dem deutsch-polnischen Grenzvertrag und dem Nachbarschaftsvertrag, wirklich gelingen.

Dass wir auch in der Versöhnung mit unseren polnischen Nachbarn so weit gekommen sind, sollte uns mit großer Dankbarkeit erfüllen. Heute leben wir mit ihnen in eng verwobener Partnerschaft im geeinten Europa zusammen. Wir haben einen regen grenzüberschreitenden Austausch, ein großes Netz an wirtschaftlichen, freundschaftlichen und familiären Verbindungen. Ja, sogar deutsche und polnische Polizisten und Soldaten trainieren und arbeiten heute gemeinsam. Niemand hätte dies noch vor wenigen Jahrzehnten für denkbar gehalten.

Doch wie gut finden wir uns zu recht in den Erinnerungen unserer Nachbarn an die dunkle Zeit? Ist der Warschauer Aufstand von 1944 über interessierte Kreise hinaus in Deutschland ein Begriff? Wem ist der Anteil polnischer Soldaten in den alliierten Armeen an der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus bewusst? Was wissen wir über die Schicksale polnischer Zwangsarbeiter? Was über die im Zuge der Westverschiebung Polens umgesiedelten Polinnen und Polen? Wer weiß, dass es in Deutschland innerhalb der britischen vorübergehend auch eine polnisch verwaltete Besatzungszone gab?

Viele Aspekte der Kriegs- und Nachkriegsjahre sind bei uns kaum bekannt. Sehr schwer getan haben wir uns in Deutschland über peinlich lange Jahrzehnte auch mit der Frage der individuellen Entschädigung von Zwangsarbeitern, KZ- oder Ghettohäftlingen und Kriegsgefangenen, was viele Polinnen und Polen betraf. Als es die Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder endlich ermöglichte, im Jahre 2001 den Opfern individuelle Auszahlungen über die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft zukommen zu lassen, kam diese für viele NS-Opfer schon zu spät.

Dass der Schmerz über die Kriegsgräuel in Polen bis heute immer wieder mitschwingt, überrascht nicht. Und dass es auf polnischer Seite auch Unmut über deutsche Unkenntnis oder fehlende Präzision in der Geschichtsdarstellung gibt, kann man zu einem guten Teil nachvollziehen.

Deshalb müssen wir uns der Frage nach angemessenen Formen des Erinnerns und Gedenkens immer wieder neu stellen. Nur indem wir uns auch den Erinnerungen unserer Nachbarn öffnen, wirklich zuhören und zum Lernen bereit sind, kann unser eigenes Geschichtsbild angemessener werden.

Und genau deshalb sind die Bereitschaft zur Erinnerung und die daraus resultierende Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung eine Bürgerpflicht. Nehmen wir diese Pflicht ernst!

Ich möchte meine Ausführungen mit den Worten zum Gedenken beenden, welche anlässlich der Volkstrauertage zur Mahnung aufrufen und deren Aktualität nicht verloren geht:

Wir denken heute
an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder und Frauen und Männer aller Völker.

Wir gedenken
der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft, als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.

Wir gedenken derer,
die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden, Teil einer Minderheit waren oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.

Wir gedenken derer,
die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.

Wir trauern
um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage,
um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung,
um die Bundeswehrsoldaten und andere Einsatzkräfte,
die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.

Wir gedenken heute auch derer,
die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache
Opfer geworden sind.

Wir trauern mit allen,
die Leid tragen um die Toten, und teilen ihren Schmerz.

Aber unser Leben steht im Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Menschen und Völkern, und unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.

Text: Heiner Richter

         Verwendung von Auszügen des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. und eines Zitats von Willy Brandt

 Foto Beitragsbild: Heiner Richter